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Schau mir ins Auge ...

16.10.2012. Damals, in der guten alten Zeit, gab es noch die ein oder andere Redaktion mit dem Ehrgeiz, ihren Leserinnen und Lesern seriös recherchierte und relevante Geschichten zu präsentieren. In einer solchen Redaktion hätte der Chefredakteur müde abgewunken und mit dem lapidaren Satz „Das ist doch keine Story“ diese Sache mit dem Fischauge platt gemacht. Heute, in der hektischen Ära von Internet, Smartphones und Twitter, braucht das Publikum alle 15 Minuten neue Schlagzeilen. Und da schafft es dann eben auch ein Fischauge, für zwei, drei Tage Weltruhm zu erlangen.

Aber jetzt mal der Reihe nach. An irgendeinem Strand irgendeines Ozeans findet dieser Tage irgendwer den angeschwemmten Augapfel eines Fischs. Der Finder – oder irgendeiner der anderen Anwesenden – knipst mit der Digitalkamera ein mehr oder weniger eindrucksvolles Bild des starr blickenden Organs. So weit, so langweilig! Hätte sich einer der Beteiligten einfach mal kurz die Mühe gemacht, sagen wir, einen Fischer oder den Betreiber eines Aquariums zu fragen, von welcher Fischart das Auge stammen könnte, wäre vermutlich schnell klar gewesen, dass das auf eine etwas unappetliche Art entfernte Körperteil einem großen Schwertfisch abhanden gekommen ist. In einem solchen Fall hätte die ganze Aktion vermutlich eine Handvoll Menschen am besagten Strand für ein paar Minuten beschäftigt und die Welt hätte sich einfach weiter gedreht.

Nur so funktioniert das Mediengeschäft im Internetzeitalter nicht. Das funktioniert vielmehr so: Das Fischaugen-Foto gelangte auf verschlungenen digitalen Wegen in eine Nachrichtenredaktion. Dort erkannte ganz offensichtlich ein versierter Schlagzeilenexperte den Wert des gruseligen Bildes. In einer griffigen Headline dichtete er dem herausgesäbelten Fisheye etwas Geheimnisvolles an und ließ die Fachwelt rätseln, auf welche Weise das Guck-Organ bislang unbekannter Herkunft wohl an den Strand gekommen sein könnte. Damit war der News-Motor gestartet und entwickelte innerhalb kürzester Zeit jede Menge Schub. Internetseiten, Nachrichten-Apps, Newsportale und Online-Communitys rund um den Globus griffen das Thema auf und ließen ihre Nutzer tief ins abgründige Blau der Fischpupille blicken. Sicherlich stimmten die Klickraten – und damit der Werbewert – der aufgebauschten Story, denn allerorten bemühten sich die Internetredaktionen mit Erfolg, die Fischsuppe zum Beispiel durch Interviews mit allerlei Fachleuten noch ein bisschen länger aufzukochen. Dem Schwertfisch war es vermutlich egal, aber sein Auge schaffte es in eine Bekanntheitsliga etwa mit dem österreichischen Stratosphären-Springer und 30.000 Bürgerkriegstoten in Syrien.

Was lehrt diese Geschichte? Wer das nächste Mal beim Spaziergang am Strand oder auf einer Wanderung im Gebirge, sagen wir mal, über einen ollen Schuh stolpert, sollte unbedingt ein Foto machen und dann im Internet die Frage aufwerfen, wessen Fuß wohl in dem Latschen gesteckt haben könnte. Noch besser ist es natürlich, wenn der Fuß noch drin ist und der Rest des Besitzers fehlt. Dann steigt die Story unweigerlich auf wie ein Stratosphären-Ballon. Zumindest so lange, bis das nächste Auge an irgendeinem Ort auf dem Globus herum liegt ...


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