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Nieder mit Goethe!

6.2.2013. Literatur bildet ja bekanntlich. Und so lernen wir in der aktuellen Diskussion um Begrifflichkeiten in Kinder- und Jugendbüchern so ganz nebenbei, dass das Umschreiben dieser Bücher keineswegs unüblich ist: Gerade bei "Fließbandliteratur", also etwa Buchreihen wie Enid Blytons "Hanni und Nanni", war und ist es offenbar schon lange gängige Praxis der Buchverlage.

Jetzt schleicht sich dieses Bedürfnis, Literatur zu verbessern, langsam, aber sicher die Treppe der Literaturgattungen hinauf. Dass der Vater von Astrid Lindgrens Heldin Pippi Langstrumpf vom "Neger-" zum "Südseekönig" avancierte, haben wir schon gehört. Momentan heult der Chor der politisch korrekten Bedenkenträger beiderlei Geschlechts besonders laut auf, wenn er Wörter hört wie "Weißer Neger Wumbaba" - "Rassist!" oder "Die kleine Hexe" - "Frauenfeindlich!". Nach Astrid Lindgren und Ottfried Preußler würdigt nun die Sprachpolizei mit Axel Hackes Werk erstmals Erwachsenenliteratur auf das Niveau einer Bedienungsanleitung herab. Die lässt sich nach Belieben ändern, wenn sich zum Beispiel sachliche oder andere Fehler eingeschlichen haben. Und die Buchverlage sind eilfertig dabei, schließlich geht's um Werte! Vor allem die finanziellen der Buchverlage selbst.

Mein Vorschlag, um diese Sache konsequent zu Ende zu bringen: Verbessern wir endlich auch alle Klassiker und Literatur von Weltrang! Tom Sawyer, Robinson Crusoe, Grimms Märchen, Karl May. Nur keine falsche Scheu. Oder nehmen wir zum Beispiel Goethes "Faust". Wir ersetzen dort konsequent das abwertende Wort "Weib" durch "Frau". Es könnte allerdings sein, dass in drei, vier Jahrzehnten auch dieser Begriff zum Schimpfwort geworden ist. Denn dann lautet vielleicht schon die künftige Ansicht: Es reicht aus, dass ein Mann das Wort „Frau“ benutzt und ausspricht. Denn: Benutzt er das Wort, benutzt er die Frau selbst. Wer weiß?

Aber wir sind ja flexibel und ersetzen „Frau“ dann wiederum durch den Begriff "Mensch mit Doppel-X-Chromosom". Schon lesen wir nur noch Literatur, die umsetzt, was Heinrich Bölls Erzählung "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen" brillant karikiert hat. Und wir opfern auf dem Altar der politischen Korrektheit Werte wie Zeitgeist, Herkunft, Identitätssuche und auch Irritation. Und damit wesentliche Kriterien dessen, was Literatur als Kunstform ausmacht.

Viel Spaß in der schönen neuen (Literatur-)Welt!

PS: Wenn Sie wissen wollen, wie sich zum Beispiel das Märchen "Hänsel und Gretel" in der politisch korrekten Fassung lesen lassen könnte, dann sollten Sie auf diesen Link zur Rohfassung klicken ;-)


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